Eine Bilderreise in die Vergangenheit,

dritter Teil (1945 bis 1968)

1945: Wien lag in Trümmern, was die Bomben nicht zerstört hatten, wurde durch die letzten Kampfhandlungen und die abziehende Armee des Dritten Reiches schwerst beschädigt. Auch die Gebäude der Firma Minerva waren in Mitleidenschaft gezogen, teils zerbombt, zum Teil ausgebrannt. Dazu kam der Umstand, dass ein Teil der Belegschaft im Verlagerungswerk festsaß und nicht über die Demarkationslinie bei Enns nach Wien zurückkehren konnte. In dieser Situation versuchten russische Offiziere unter Mithilfe von Wiener Sympathisanten die Kontrolle über die zerstörte Fabrik zu erreichen. Doch diese "Machtübernahme" wurde durch Ing. Mally verhindert, dem es auf abenteuerliche Weise gelungen war zurückzukehren und Ordnung im Betrieb zu schaffen. Frau Filip, die Prokuristin, saß zwar im Gefängnis, musste aber wieder freigelassen werden. Die Russen hatten versucht, alles Wertvolle zu verkaufen, doch die intakten Maschinen und etwas an Rohmaterial konnte gerettet werden.

             1949:  Entwurf für einen Autosuper,     der niemals in Produktion ging.

Das war die Stunde des mühsamen Neuanfangs, niemand wusste, ob er gelingen würde! Zuerst wurde der Schutt weggeräumt, Material gesichtet und die notwendigsten Reparaturen an Gebäuden durchgeführt. Erst dann war Zeit nachzudenken, wie die Radioproduktion wieder aufgenommen werden könnte. Einfach war es nicht, denn die generelle Materialknappheit ließ keine vernünftige Serienfertigung zu. So waren Mischröhren (z.B. ECH11) nicht verfügbar und Minerva musste tief in die Trickkiste der 30er- Jahre greifen, um überhaupt einen Superhet bauen zu können. Damals hatte es ja auch mit einer Pentode als Oszillator und Mischer funktioniert, also: "Zurück zu den Anfängen"! Die Lösung war gefunden, bereits 1946 kam Minerva's erstes Nachkriegsradio auf den Markt, das Modell 466W. Eingekleidet in ein Gehäuse aus dem Jahr 1941 (davon gab es genügend als Ersatzteile), bestückt mit 3 Stück EBF11, einer EL11 und der AZ11 (aus WM- Produktion) konnte ein Gerät präsentiert werden, das beste Empfangseigenschaften auf allen drei Wellenbereichen bot. Lediglich die EM11, die Abstimmanzeigeröhre, war nicht im Lieferumfang, die Fassung aber, für eventuelle spätere Nachrüstung, bereits vorhanden.

                Minerva Atout, ein billiges Rundfunkgerät für vier festabgestimmte Sender

Auch die folgenden Jahre waren eine Gratwanderung zwischen technischem Können und Wollen einerseits und den vorhandenen Möglichkeiten andererseits. Minerva glaubte nicht an den, vom Verband der Rundfunkindustrie propagierten, "Einheitssuper", war aber doch mit bestimmten Baugruppenlieferungen daran beteiligt. Man wollte seine eigenen Wege gehen. Also kam es, dass Minerva mit einer Neuauflage des 1941 verkauften Horny-Zwergsupers auf den Markt kam (er hieß jetzt "Minola"), die billigen Kleingeräte "Minor" und "Atout" baute (letzterer wies vier fix abgestimmte Stationen auf, mit Herz, Karo, Pique und Treff bezeichnet) und schließlich, als 1949 endlich die Materialknappheit ihrem Ende zuging, "Miraphon 500", das Kleingerät, das auf dem "Minola Privat" basierte, anbot. Auch ein Luxusempfänger, der "President Type 702" war im Programm, eine technische Spezialität, ein Doppelüberlagerer mit 6 gedehnten Kurzwellenbändern, Mittel- und Langwelle. Das Gehäuse glich dem Vorkriegsmodell 397.

    Bild des Minerva President 702U und ein weiterer Großsuper (510)  

Der große Wurf gelang 1949 mit dem neu entwickelten Modell 506, das Minerva wieder an die Spitze brachte. Mit einem völlig neuen Design, das jahrelang beim Publikum Gefallen finden sollte und einer Technik, die richtungsweisend war, konnte der 506er als Grundstein für den erfolgreichen Fortbestand der Firma angesehen werden.

     Das "Triumvirat", von links nach rechts: Ing. Mally, Herr KR. Wohleber, Frau Filip  

Wer viele Geräte produziert, braucht dementsprechend viele Röhren! Der Röhrenhersteller Philips, der während der ersten Nachkriegszeit im Verband der Rundfunkindustrie versucht hatte, über Quotenregelungen (immerhin besaß Philips bereits die Radiofirmen Hornyphon und Zerdik), den österreichischen Markt zu kontrollieren, stellte plötzlich bei Minerva offene Rechnungen für Röhrenlieferungen fällig. Normalerweise hätte dies das Ende für die Firma bedeutet, doch es gelang der Geschäftsleitung, die Schulden zu begleichen! Und die bittere Konsequenz daraus? Nach eiliger Konstruktionsänderung wurde der 506er mit Tungsram- Röhren bestückt und bis auf Weiteres keinerlei Philips- Bauteile mehr verwendet.

                                    ...so wurde der zehntausendste Apparat der Type 506 gefeiert

Neue Entwicklungen stellten neue Anforderungen an die Konstrukteure. Wir befinden uns am Beginn der wilden 50er, in Deutschland war der UKW- Rundfunk bereits Stand der Technik, das Fernsehen ebenfalls. Das waren Neuerungen, von denen wir in Österreich nur träumen konnten. Dennoch beschäftigte sich Minerva mit der Konstruktion solcher Geräte, die auf dem heimischen Markt nicht absetzbar waren, sondern in den Export gingen (wie etwa das Modell 519 für Deutschland und die Schweiz gebaut wurde), oder einfach dazu dienten, die kommende Entwicklung nicht zu verschlafen.

                                         Speziell für den Export entwickelt und gebaut:      

Als endlich 1953 die oberste Fernmeldebehörde unter der Aufsicht des Alliierten Rates das UKW- FM- Band freigab (anfänglich nur 88 bis 100 Mhz), konnte Minerva bereits mit großer Erfahrung im Bau von entsprechenden Empfängern aufwarten. Ebenso war es 1955, als die Österreicher nicht nur den langersehnten Staatsvertrag feiern durften, sondern auch in den Genuss des Schwarz- Weiß- Fernsehens kamen!

                                                                                   

FS 43, das erste Fernsehgerät                                 Werbung für den Netz- Batterie- Portable 531, ganz im Stil der Zeit

Der Aufwärtstrend der Wirtschaft und der Nachholbedarf der Bevölkerung bei Konsumgütern ließ auch Minerva gute Gewinne schreiben. Das Unternehmen war kerngesund und der Name "Minerva" hatte im In- und Ausland den allseits bekannten, guten Klang! Wiederum wurde in viele Staaten exportiert und die Zusammenarbeit mit den noch vorhandenen Lizenznehmern in Italien und Frankreich intensiviert. Als sich dieses Jahrzehnt seinem Ende zuneigte, kam ein neuer Impuls für die Radioindustrie, nämlich die serienmäßige Anwendung des Transistors! 1957 kam Minerva's erstes Portablegerät mit Transistoren auf den Markt, der "Volltransistor 570". "Leicht, robust und absolut zuverlässig im Betrieb, billig in der Unterhaltung (damit waren die Batterien gemeint), ein treuer Begleiter" versprach die Werbung. Und es waren keine leeren Worte, denn diese Geräte funktionieren heute noch hervorragend.

    Ein hübsches Portableradio                          Ein Ausflug in die Küche....

Die 60er- Jahre brachten die ersten handlichen UKW- Portables und damit eine gewaltige Steigerung der Produktionszahlen. Der "UKW- Transistor 611" wurde zur Legende und war, dank seiner Abmessungen und seines geringen Gewichts in der Sonderversion für den VHF- Flugfunkempfang bei Privatpiloten sehr beliebt. Besonders die Amerikaner, die häufig das eigene Flugzeug als Weitverkehrsmittel dem Auto vorziehen, kauften dieses Radio gerne. In diese Zeit fällt auch der Versuch von Minerva, im Weißwarengeschäft Fuß zu fassen. Es wurden Kühlschränke aus Italien importiert, die den Namen "Minerva" trugen. Wirklich erfolgreich war dieser Geschäftszweig jedoch nicht und wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Viel besser lief das Farbfernsehgeschäft, in dem Minerva eine bedeutende Rolle als Hersteller spielte.

                                                               

         Kanalwählerplatz,            Portable- TV "Poker",     Radio-Phono-Fernsehkombi,     Ing. Mally mit ORF-GI. Bacher

Im Jahr 1968 wurde dann die Entscheidung bekannt gegeben, die die gesamte Branche ungläubig aufhorchen ließ. Die Eigentümerin, Frau Elisabeth Wohleber - Riessl verkaufte aus persönlichen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen das gesamte Unternehmen an die Firma Grundig. Die Mitarbeiter wurden übernommen und Grundig sicherte sich damit ein Standbein in Österreich und eines in Italien, stellte an beiden Standorten seine eigene Produktpalette her und konnte damit die Einfuhrzölle umgehen.

                                                                             

1968 auf der Wiener Messe: Bundespräsident Franz Jonas mit Ing. Mally vor dem allerletzten Minerva- Stand

Wie sich die Geschichte wiederholt.. Minerva, Wien und Sachertorte

 

© 2001 Fritz Czapek

Bildmaterial: Private Archive, Werbeschriften

Eine Bilderreise in die Vergangenheit, Teil 1:
Eine Bilderreise in die Vergangenheit, Teil 2:
Rundgang durch die Wiener Minerva- Fabrik:
Minerva in Polen: (In Arbeit)
Minerva in der Schweiz:
Minerva in Italien:
Minerva in Frankreich: (In Arbeit)
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