Minerva in Italien:
Vermutlich im Jahr 1936 schloss die Wiener Firma Minerva einen Kooperationsvertrag mit der italienischen Firma
S. A. Ital. Minerva, später: S. A. Ind. "Luigi Cozzi Dell´Aquila", Milano, via Broschi 15
Das Ziel dieser Zusammenarbeit war die Lizenzproduktion von Minerva- Geräten in Italien und der Vertrieb dieser Produkte. Da Italien zu dieser Zeit eine gut entwickelte eigenständige Rundfunkindustrie besaß, war ein Export von Radioapparaten in dieses Gebiet durch hohe Zollbarrieren nicht ganz einfach. Dieses Hindernis wurde, wie auch heute noch üblich, durch Lizenzproduktion umgangen.
Anhand mehrerer Schaltungsarchive und mit der dankenswerten Mithilfe etlicher italienischer Sammlerkollegen habe ich versucht, die Mailänder Produktion vom Beginn an bis zum Jahr 1968 aufzuarbeiten, wobei natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll!
Die nachweisbare Produktpalette beginnt mit dem Modelljahr 1937. Diese Geräte sind schaltungstechnisch sowie der Bezeichnung nach völlig identisch mit den Modellen der Wiener Produktion. Sogar die Schaltpläne wurden (deutsch beschriftet) übernommen und abgedruckt.
Der Beginn: Diese Bilder geben Einblick in den Start der Produktion von Minerva- Radios in Mailand
Waren die italienischen Minerva- Geräte anfänglich den Wiener Geräten technisch noch sehr ähnlich, so zeigte sich bereits nach kurzer Zeit eine Entwicklung zur Eigenständigkeit der Mailänder: Amerikanische Stahlröhren, sowie italienische Gemeinschaftsröhren (WE**) halten Einzug in die Apparate, Großsuper besitzen Gegentaktendstufen und zwei Lautsprecher, eine Schaltungsvariante, die in Österreich zu dieser Zeit nicht üblich war. Das lässt darauf schließen, dass ein Großteil der verwendeten Komponenten von italienischen Zulieferern bezogen wurde.
Photos von Messeständen, auf denen Minerva- Produkte präsentiert wurden
Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges in Europa und der damit verbundenen baldigen Einbeziehung des Wiener Werkes in die Rüstungszulieferindustrie blieb die Hilfe durch das Stammhaus weitgehend aus, aber in Mailand wurden dennoch weiter Radios produziert. So kamen auch sofort nach Ende des Krieges, 1945, Rundfunkgeräte auf den Markt.
Werbung 1940. Typisch für Italien und Frankreich die
Abbildung der Göttin Minerva
Obwohl Minerva, für italienische Verhältnisse, ein kleiner Hersteller war, ist die Typenvielfalt in den folgenden Jahren ganz beachtlich!
Ein typisches Minerva- Gerät
aus dieser Epoche, bemerkenswert die vier Drehknöpfe

Bei vielen Geräten ist jetzt wieder die technische Handschrift des Stammhauses in Wien unverkennbar. Auch die Typenbezeichnung der Modelle gleicht den österreichischen (z.B. steht "447" für das Modelljahr 1944, die letzte Ziffer gibt die Anzahl der Röhren an, wobei eine eventuell vorhandene Abstimmanzeigeröhre nicht mitgezählt wird).
Wurden nach dem Krieg noch Röhren der "roten Serie" oder Stahlröhren verwendet, findet 1947 der Umstieg auf die Rimlockserie statt. Die Modelljahre 1950 bis 1953 stellen dabei eine Ausnahme dar, hier tauchen plötzlich wieder amerikanische Stahlröhren in den Geräten auf, was auf mögliche Lieferengpässe der europäischen Produktion bei Röhren schließen lässt, oder dass wie zur gleichen Zeit in Wien, Minerva den großen Röhrenhersteller Philips boykottierte.
Superdesign zeichnet die Radios aus (Mod. 485/1)
In späteren Jahren weisen die Rundfunkempfänger eine für uns ungewöhnliche Bauart auf: Die Mischbestückung mit E- und U- Röhren, dabei werden Netztransformatoren verwendet. Die Empfänger haben trotzdem keine galvanische Trennung vom Lichtnetz. Es gibt auch Wechselstromempfänger, bestückt mit U- Röhren (z.B. Mod. 515/2), wo die Heizfäden in Serie aus einer Sekundärwicklung des Trafos versorgt werden. Die Primärwicklungen der Netztrafos sind meist für 110, 125, 140, 160, 220 und 280 Volt dimensioniert, wobei die letzte Stufe nicht bei allen Modellen zu finden ist. Weitere, sehr interessante Details sind: Ab dem Modelljahr 1959 findet man häufig neben dem UKW- FM- Empfangsbereich auch die Möglichkeit zum Empfang eines Fernsehtonkanals. Bei der Konstruktion der Endstufe in großen Geräten werden abwechselnd verschiedene Wege beschritten: 1.) Gegentaktendstufe mit Phasenumkehrröhre (Mod. 388, 418, 466/1, 477/1, 497/1, 547/1), oder 2.) zwei Endröhren parallel auf eine Lautsprecherkombination (Mod. 506/1, 627/1)
Der
Trend geht zum Klein- und Zweitgerät:
Minerva Modell 555/1 im Kunststoffgehäuse
Generell gilt, dass die Gehäuse der Mailänder Radios sehr wenig mit denen von Minerva Wien zu tun haben. Der Kunde in Italien hat einen anderen Geschmack, dem natürlich Rechnung getragen wurde. Die Verarbeitung war zum Teil ausgesprochen aufwendig, edle Furniere und andere Materialien (wie zum Beispiel Leder) wurden eingesetzt, was den Geräten ein luxuriöses Äußeres verlieh.
Soviel zu technischen Einzelheiten! Jetzt stellt sich noch die Frage: Was wurde aus dem Mailänder Werk von Minerva?
Im Jahr 1968 verkaufte die Eigentümerin der Firma Minerva, Frau Wohleber, das gesamte Unternehmen an Max Grundig. Das betraf auch die Mailänder Fertigungsstätte, die bis etwa 1980 von Grundig weitergeführt wurde.
© 2001: Fritz Czapek
Bildmaterial: Private Archive, Mithilfe Italienischer Sammlerkollegen und "Antique Radio magazine".
Die Qualität der Abbildungen entspricht ihrem Alter
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